Es ist schwierig, mit diesem Bildungspionier über Bildung zu sprechen. Hans Elsner (90), zierliche Statur, unverschämt jugendliches Gesicht, hat die Montessori-Pädagogik „als Antwort auf die Erziehungsideale der Nazis“ nach Köln geholt; er hat 31 Jahre die Montessori-Grundschule an der Gilbachstraße geleitet und der Schule zu einer nach dem Krieg kaum für möglich gehaltenen Erfolgsgeschichte verholfen.

 

Man könnte den gebürtigen Klettenberger Hans Elsner also mit einigem Recht als Vorreiter in Sachen moderner Bildung bezeichnen: Viele Schulen haben ja spätestens seit dem unterdurchschnittlichen Abschneiden der Deutschen beim Pisa-Test Elemente aus der Montessori-Pädagogik übernommen. Der freie, klassenübergreifende Unterricht, die Gruppenarbeit, die Besinnung aufs Kind, die selbstverständliche Einbeziehung von Kindern mit Behinderung („Inklusion“) – Elsner hat das alles schon gemacht, als er Anfang der 1950er Jahre im Bergischen die Montessori-Arbeit in einer Volksschule einführte und als erste Amtshandlung die langen Holztische von den Schülern selbst in kleine Tische zersägen ließ, um sie frei im Klassenzimmer verteilen zu können.

Auch Pisa ist ihm „ziemlich schnuppe“

Kürzlich erst hat das Land bei ihm angefragt, ob es einen Jahrzehnte alten Text von ihm fürs Zentralabitur verwenden dürfe. „Irgendwie scheinen die Ideen also noch aktuell zu sein.“ Hans Elsner könnte prima werben für einen freieren Unterricht, für den derzeit der Kölner Philosoph Richard David Precht trommelt, ohne dass Precht das Bildungswesen aus seinem Innern heraus kennen würde. Elsner könnte auf die vielen Elemente verweisen, die die Schulen jetzt von Montessori klauen und für diesen Gegenentwurf zur Leistungsgesellschaft plädieren, der „im Endeffekt zu deutlich mehr Leistung führt“, wie er sagt. Er würde sich super machen bei Plasberg oder Anne Will.
Bloß will er das alles nicht. Der Mann mit der kindlichen Neugier schüttelt ein wenig unwillig den Kopf, als es um den Umbau des „Bildungssystems“ gehen soll. Er verstehe nichts von Systemen, sagt er. „Das sollen andere machen.“ Ob er für oder gegen das achtjährige Gymnasium sei? „Sieben oder vierzehn Jahre, das ist mir im Prinzip egal.“ Auch Pisa ist ihm „ziemlich schnuppe“.

„Diese Ideen davon, wie das Kind sein soll, sind oft der Kern des Problems.“ (Hans Elsner)

Immer diese Vergleiche, „dieses Erster-sein-Wollen und alles darauf ausrichten, die Fixierung auf den Ertrag, das ist nicht meine Welt, da müssen Sie mit anderen sprechen. Mir kommt es auf den Weg an“. Er hält einem mit seinen Worten einen unsichtbaren Spiegel vor, auf dem Fragen prangen: Wie oft vergleichst du dich mit anderen? Warum vergleichst du dich? Ist das gut für dich? Was ist denn die Motivation für dein Handeln?

„Jedes gesunde Kind will lernen“, sagt Elsner. „Es geht darum, ihm hierfür die richtigen Instrumente und Materialien zur Verfügung zu stellen.“ Und was, wenn das Kind (psychisch) nicht gesund ist, wie es ja angeblich bei immer mehr Kindern ist? „Zeit lassen, wenn nötig, viel Zeit lassen“, sagt Elsner. „Es haben viele Eltern so konkrete Ideen von ihrem Kind im Kopf. Das Kind soll so und so sein, und bitte nicht anders. Diese Ideen davon, wie das Kind sein soll, sind oft der Kern des Problems. Es kann dauern, bis ein Kind, das so voll ist von fremden Ideen, findet, was es für sich selbst braucht und was ihm selbst gefällt.“

Philosophie nicht mit anderen vergleichen

Elsner erzählt von den Anfängen an der Gilbachstraße und lacht über die Welle der Empörung, die ihm entgegenschlug. Erzählt von Alleinerziehenden und den ersten türkischen Gastarbeitern, die schnell merkten, dass ihre Kinder hier gut aufgehoben sind. „Weil wir nie einen Unterschied gemacht haben, woher das Kind kommt, ob es clever ist oder nicht so.“ Erinnert sich an die vielen Kinder der Schriftsteller und Schauspieler, der Industriellen und Politiker. Als er anfängt, die Anekdote vom Kind des damaligen Innenministers zu erzählen, das immer mit Chauffeur in die Schule eskortiert wurde, oder jene der Kölner Schauspielertochter, die die Lehrer unbedingt duzen wollte und das dann auch durfte, hält er inne: „Ich will nicht, dass das breitgewalzt wird. Es wäre falsch, lassen Sie die Namen bitte einfach raus.“

Warum? Es widerspräche dem Ansatz Maria Montessoris, mit Namen prominenter Absolventen zu prahlen. Es wäre nicht in Montessoris Sinne gewesen, wenn Lehrer ihre Philosophie mit anderen Schulformen vergleichen würden. Sich in den bildungspolitischen Ring zu begeben, um einflussreicher zu werden, liegt dem Montessori-Gedanken fern. „Es ging und geht uns um das Kind und seine Individualität. Die freie Entfaltung muss im Mittelpunkt stehen. Wenn das rüberkommt, ist das genug.“

Eine Kugel traf ihn ins Bein

Montessori war vor allem wegen der Nazis möglich. Es war dieser Gegenentwurf zum autoritären Frontalunterricht, den Elsner unbedingt vorantreiben wollte. Als Gruppenführer bei der ab 1933 verbotenen bündischen Jugend war er selbst von der Gestapo verhaftet und zum Verhör ins EL-DE-Haus geladen worden. Die Nazis wollten ihn dann in Russland verheizen, „aber ich hatte Glück und bekam den Heimatschuss“. Eine Kugel traf ihn im Bein – drei seiner vier Brüder fielen im Krieg. Er selbst brachte zwei verstümmelte Finger und Dutzende Granatsplitter im Gewebe als Erinnerungen mit.

Die gleichaltrige Englischlehrerin Erika erzählte dem Kriegsheimkehrer mit den großen Bildungslücken von einer ungewöhnlichen Lehrerausbildung in Essen – dort lernte Elsner die Montessori-Philosophie, der sich auch seine Englischlehrerin verschrieben hatte. Die heute 89-jährige Englischlehrerin Erika Elsner sitzt im Wohnzimmer des Eigenheims in Longerich neben ihrem Hans und lächelt.
Die beiden haben vier erwachsene Kinder, zwei von ihnen sind Montessori-Lehrer geworden. Johannes Elsner ist 62 und leitet die Schule an der Gilbachstraße. Und geht wie der Vater nur vom Kind aus.

– Quelle: http://www.ksta.de/3976810 ©2016

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