Theresa hängt kopfüber von der Schaukel, zieht sich mit beiden Armen hoch und stellt sich dann breitbeinig auf das Sitzbrett. Sie wippt vor und zurück und strahlt mit großen blauen Augen. Turnen macht ihr Spaß. „Aber Zahlen schreiben finde ich auch toll“, sagt sie nach kurzem Nachdenken und hangelt sich nach einem mahnenden Blick ihrer Mutter wieder auf das Schaukelbrett herunter. Theresa ist fünf Jahre alt und geht seit ein paar Wochen zur Schule. Erst im September wird sie sechs. „Ich kann aber schon lesen und schreiben“, sagt sie stolz. Schwimmen übrigens auch. Sogar den Freischwimmer hat das kleine blonde Mädchen schon gemacht. Aber sie hat ja auch ein großes Vorbild - die ältere Schwester Rebecca. Die ist schließlich auch schon mit fünf in die Schule gekommen - obwohl sie erst im Dezember Geburtstag hat und somit im Schnitt ein Jahr jünger ist als die anderen Kinder in ihrer Klasse. Mit sieben Jahren besucht sie nun das dritte Schuljahr.

Rebecca und Theresa zählen zu so genannten Kann-Kindern. Das heißt, sie haben erst nach der Stichtagsregelung Geburtstag, und es obliegt den Eltern, ob sie ihre Kinder einschulen oder noch ein Jahr warten möchten. Dabei liegt die frühe Einschulung voll im Trend: Seit diesem Jahr sorgt die NRW-Landesregierung per Gesetz dafür, dass die Schulkinder immer jünger werden. Statt dem Stichtag 30. Juni besteht ab jetzt auch für Kinder Schulpflicht, die bis zum 31. Juli sechs Jahre alt geworden sind. Die Regelung soll bis zum Schuljahr 2014 bis zum 31. Dezember erweitert werden - um Kinder „möglichst früh zu fördern“, wie es im Schulministerium heißt. Die Anmeldung für das Schuljahr 2008 beginnt nach den Herbstferien.

Dabei ist es für Eltern nicht immer einfach, zu entscheiden, ob das Kind bereits schulfähig ist oder nicht. Die Mutter von Rebecca und Theresa, Silke Bechtel, hat das auch vom Willen der Kinder abhängig gemacht. „Sie wollten beide in die Schule. Ich finde das wichtig, es hat keinen Sinn, die Kinder zu zwingen.“ Bei ihren beiden Töchtern hätte es einfach gepasst, sagt sie. Dazu gehörte nicht nur der erfolgreich besuchte Schwimmkurs. Theresa zum Beispiel buchstabierte irgendwann im Kindergarten Wörter vor sich hin - und brachte sich das Lesen selbst bei. „Da war uns klar, dass sie in die Schule muss“, sagt Bechtel. Den Kann-Kinder-Test hat sie super bestanden. „Da musste ich meinen Namen schreiben - und auf einem Bein stehen“, erzählt die Fünfjährige.

Selbstbewusstsein, Offenheit, sich nicht hinter den Eltern verstecken: Montessori-Schulleiter Johannes Elsner ist wichtig, dass neben den kognitiven, auch die sozialen und emotionalen Fähigkeiten stimmen. „Ansonsten ist die psychische Belastung zu groß“, sagt der Pädagoge. „Eltern sollten deshalb das Gespräch mit den Erziehern suchen. Die Entscheidung gilt schließlich für das ganze Leben.“ Vor allem kommt es darauf an, was hinter dem Wunsch nach früher Einschulung steckt. Nicht selten ist es auch der Ehrgeiz der Eltern, die sich unter Druck fühlen, die Weichen für die Zukunft ihres Kindes möglichst früh zu stellen. Die Zahlen sprechen für sich: An der Montessori-Schule Gilbachstraße sind etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder pro Jahrgang vorzeitig eingeschult, NRW-weit sind es nach Angaben des Schulministeriums immerhin neun Prozent - mit steigender Tendenz. „Die Politik suggeriert eben, dass bei einer frühen Einschulung ein positives Endergebnis zu erwarten ist“, sagt die Kölner Kindertagesstättenleiterin Sylvia Steinhauer-Lisicki. Was natürlich nicht zwangsläufig so sein muss: So kam etwa eine Studie der Essener Bildungsforscherin Gabriele Bellenberg zu dem Ergebnis, dass vorzeitig eingeschulte Kinder bis zur zehnten Klasse fast doppelt so häufig sitzen bleiben wie regulär eingeschulte Kinder. Frühes Scheitern, da sind sich die meisten Experten einig, wirke sich langfristig oft sehr negativ auf die Schulleistungen aus.

Und auch die Pubertät komme dann nicht zeitgleich mit den älteren Klassenkameraden, warnt Elsner.

„Wichtig ist: Alle Eltern wollen für ihr Kind nur das Beste - auch die ehrgeizigen“, sagt Steinhauer-Lisicki. Die Entscheidung müsse eben individuell getroffen werden. Mine Shala zum Beispiel hat ihren Sohn Denis - auch ein Kann-Kind - lieber ein Jahr später eingeschult, weil er „einfach noch nicht reif“ war, erzählt sie. „Das eine Jahr, das er noch im Kindergarten war, hat ihm sehr viel gebracht. Er ist nun selbstbewusster und kann sich leichter aufs Lernen einstellen.“ So wie die fünfjährige Theresa. Die ist froh, dass sie endlich in der Schule Zahlen schreiben kann.

– Quelle: http://www.ksta.de/13637820 ©2016

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